Überblick

Die nachfolgenden Ausführungen richten sich an Bildungs­fachpersonen unterschiedlichster Bildungskontexte (Berufsschulen, Mittelschulen, höhere Fachschulen, Fachhochschulen, Universitäten, Executive Education), die in den vergangenen Jahren erfolgreich mit der 3. Generation des „neuen St. Galler Management-Modells“ (Rüegg-Stürm, 2002) gearbeitet haben und sich jetzt dafür interessieren, zukünftig mit der 4. Generation des SGMM (Rüegg-Stürm & Grand, 2015) zu arbeiten.

In diesen Ausführungen wird zunächst kurz erläutert, worin das gemeinsame, seit der 1. Generation des SGMM (Ulrich & Krieg 1972) unveränderte Kernanliegen des Modells besteht.

Danach werden wesentliche Unterschiede zwischen der 3. und 4. Generation aufgezeigt. In einem ersten Abschnitt werden grundlegende Änderungen und Akzentuierungen der 4. Generation erläutert. In einem zweiten Abschnitt werden schrittweise entlang der Begriffskategorien der 3. Generation grundlegende konzeptionelle Änderungen erörtert. Parallel dazu wird begründet, welche Beobachtungen, Erfahrungen und konzeptionellen Überlegungen zu diesen Änderungen geführt haben.

Was ist über alle Generationen des St. Galler Management-Modells gleich geblieben?

Alle bisherigen Generationen des SGMM (Ulrich & Krieg 1972, Bleicher 1991, Rüegg-Stürm 2002) sind wortsprachliche und visuelle Verständnishilfen für eine integrative Perspektive auf Umwelt, Organisation und Management. Die vermittelten Kategorien und ihre Erläuterung verkörpern eine Reflexionssprache, mit deren Hilfe verantwortliche Management-Teams grundlegende Management-Herausforderungen komplexitätsgerecht diskutieren und klären können.

Ein komplexitätsgerechter Umgang mit grundlegenden Management-Herausforderungen nimmt den Voraussetzungsreichtum des Geschehens sowie die Vielfältigkeit und Verwobenheit von darin wirksamen Kausalitäten systematisch ernst. Denn das Geschehen in Umwelt, Organisation und Management ist durch Vielschichtigkeit, Mehrdeutigkeit und zirkuläre Kausalitäten gekennzeichnet. Erkennbar werden darin bestenfalls lose Zusammenhänge und gewisse Muster.

Eindeutige Kausalzuschreibungen sind dagegen problematisch, weil die meisten Ereignisse durch eine Vielzahl von Einwirkungen bedingt sind. Deshalb sind Respekt und Achtsamkeit sowie der Verzicht auf banalisierende Vorstellungen der Steuerbarkeit unerlässlich im Umgang mit organisationaler Komplexität – sozusagen das Markenzeichen einer systemischen Perspektive auf Umwelt, Organisation und Management.

Grundlegende Änderungen und Akzentuierungen

Von einer Gesamtvisualisierung zum integrativen Zusammenspiel von drei Teilvisualisierungen

Der 3. Generation des SGMM liegt eine verdichtete, integrative Darstellung von Umwelt und Unternehmung zugrunde, den beiden zentralen Bezugspunkten jeder Management-Praxis.

Dabei wird die Umwelt mit Hilfe der drei Schlüsselkategorien Umweltsphären, Anspruchsgruppen und Interaktionsthemen zur Darstellung gebracht, die Unternehmung anhand der drei Schlüsselkategorien Prozesse, Ordnungsmomente und Entwicklungsmodi. Management wird zwar thematisiert, aber nicht mit eigenständigen Schlüsselkategorien präzise fassbar gemacht.

Abbildung 1 – Kernvisualisierung der 3. Generation des St. Galler Management-Modells (Rüegg-Stürm 2002, 22; dargestellt auch in Rüegg-Stürm & Grand 2015, 37)

Die 4. Generation nimmt demgegenüber wieder konsequent die Logik der 1. Generation auf: Umwelt, Unternehmung und Management sind zwar unmittelbar aufeinander bezogene, aber analytisch zu unterscheidende Gestaltungssphären – Hans Ulrich und Walter Krieg haben diesbezüglich von einem Umweltmodell, einem Unternehmungsmodell und einem Führungsmodell („Führungswürfel“) gesprochen. Auch in der 4. Generation gelangen auf der obersten Auflösungsebene des SGMM alle drei Schlüsselkategorien überblickshaft zur Darstellung. Eine differenziertere Auseinandersetzung mit spezifischen Aspekten von Umwelt, Organisation und Management erfordert allerdings ein „Zooming-in“. Die dabei gewonnene Präzision für Detailaspekte hat unausweichlich den Preis, dass andere Aspekte für einen Moment aus dem Fokus der Aufmerksamkeit entschwinden.

Mit anderen Worten besteht der Preis dieser ausdifferenzierten komplexeren Betrachtung in der 4. Generation genauso wie in der 1. Generation darin, dass die gesamte Modellkonzeption in allen Detailgraden visuell nicht mehr wie in der 3. Generation in einer einzigen Visualisierung zur Darstellung gebracht werden kann, sondern im explorativen Zusammenspiel von drei Grafiken erschlossen werden muss.

Abbildung 2 – Kernvisualisierungen der 1. und 4. Generation des St. Galler Management-Modells im Vergleich (dargestellt in Rüegg-Stürm & Grand 2015, 42f)

Diese differenziertere Konzeptionalisierung und Darstellungsform erfordert beim Arbeiten mit dem Modell ein sorgfältiges Zusammenspiel von Zooming-in (Fokussierung auf Detailaspekte von Umwelt, Organisation oder Management) und Zooming-out (Fokussierung auf grundlegende Gesamtzusammenhänge zwischen Umwelt, Organisation und Management).

Von Unternehmung zu Organisation

Die 3. Generation spricht im Wesentlichen von der Unternehmung (als zentralem Bezugspunkt der Management-Praxis). Im Gedankengang dominiert damit die Vorstellung von privatwirtschaftlich konstituierten, ökonomisch ausgerichteten, marktorientierten Wertschöpfungseinheiten.

Die 4. Generation nimmt eine erweiterte Perspektive ein, indem sie sich für alle arbeitsteilig organisierten Wertschöpfungseinheiten interessiert, ob Unternehmung, öffentliche Verwaltung, Non-Governmental Organizations (NGO), Non-Profit-Organisationen (NPO), usw. Die entsprechende Schlüsselkategorie wird deshalb nicht Unternehmung, sondern offener Organisation genannt – nicht im Sinne eines Instruments zum Organisieren, sondern eines komplexen arbeitsteiligen Wertschöpfungssystems. Damit wird wiederum ein Kerngedanke der 1. Generation neu aufgegriffen: Als zentraler Bezugspunkt von Management werden dort zweckorientierte soziale Systeme betrachtet. In der 4. Generation sprechen wir diesbezüglich ganz ähnlich von Organisation als Wertschöpfungssystem.

Management als eigenständige Schlüsselkategorie

Zentrale Erkenntnisse der neueren Systemtheorie argumentieren dafür, Organisationen als selbstorganisierende Systeme zu betrachten. In selbstorganisierenden Systemen ergibt sich die „Geordnetheit“ des Geschehens aus dem Vollzug des Geschehens selbst. Die 3. Generation des SGMM hat diesen Gedanken stark in den Vordergrund gerückt. Gleichzeitig scheint aber Management für eine erfolgreiche Weiterentwicklung von Organisationen (als selbstorganisierenden Systemen) immer wichtiger zu werden. Wie aber lässt sich das bloss zusammendenken – Selbstorganisation auf der einen Seite versus Management als intervenierende unternehmerische Gestaltungskraft auf der anderen Seite?

In der 4. Generation wird diese vordergründige Paradoxie wie folgt interpretiert: Organisationen manifestieren sich in der Tat als selbstorganisierende, selbst strukturierende Wertschöpfungssysteme, in denen räumlich und zeitlich verteilt an unterschiedlichsten Orten situativ koordinative Leistungen erbracht werden. Gleichzeitig ist es unerlässlich, zur etablierten Wertschöpfung, zur Umwelt, zu diesen selbstorganisierenden Strukturierungsleistungen immer wieder kritisch auf Distanz zu gehen und sich der Frage zu widmen, inwiefern das, was geschieht, wirklich funktional und verantwortbar ist. Genau dann, wenn diese Form der reflektierenden Distanznahme geschieht, findet aus Sicht der 4. Generation des Management-Modells Management statt: Management als reflexive Gestaltungspraxis. Dieses Management-Verständnis wird in Kapitel 3 (Rüegg-Stürm & Grand 2015) der 4. Generation des SGMM ausführlich dargelegt und dabei die vielfältigen Aspekte und Voraussetzungen von wirksamem Management diskutiert.

Kommunikation ist zentral, weil nicht trivial

Den gesamten Ausführungen der 4. Generation liegt eine kommunikationszentrierte Perspektive zugrunde. Damit verbunden sind folgende Vorstellungen:

  • Was Menschen denken, ist für das Geschehen in einer Organisation vollkommen irrelevant, solange diese Gedanken nicht artikuliert und in die beobachtbare Kommunikation einfliessen können. Damit wird die Gestaltung von Bedingungen einer offenen, wirksamen und effizienten Kommunikation zu einer zentralen Management-Aufgabe. Was damit konkret gemeint ist, kommt exemplarisch im folgenden Cartoon zum Ausdruck.
Cartoon von Oswald Huber
  • Kommunikation hat nichts mit der „Übertragung“ (Transfer) von „gegebener“ Information, sondern gerade in der Management-Praxis mit der wechselseitig aufeinander bezogenen Erschliessung von Bedeutung und Sinn („Sensemaking“), und das heisst immer auch mit komplexen, nicht-steuerbaren Interpretations-, Zurechnungs-, Aushandlungs- und Bewertungsprozessen zu tun.
  • Kommunikation ist damit ein kreativer verteilter Prozess.

Weil alle drei Schlüsselkategorien des SGMM Umwelt, Organisation und Management als kommunikative Prozesse betrachtet werden, ist ein differenziertes Verständnis von Kommunikationsprozessen, von Kommunikationspraktiken und von Kommunikationsplattformen von ausschlaggebender Bedeutung.

Entscheidungen resultieren aus Kommunikationsprozessen einer gemeinschaftlichen Vergewisserung

Entscheidungen werden oft (gerade in den Wirtschaftswissenschaften) als rationale Wahlakte („rational choices“) betrachtet, die von Individuen intrapsychisch nach Nutzenmaximierungsgesichtspunkten getroffen werden. Ein solches Verständnis von Entscheidungen mag durchaus angemessen sein, wenn wir an Kaufentscheide beim Lebensmittelkauf in einem Einkaufszentrum denken. In Organisationen dagegen zeigt sich die Wirksamkeit von Entscheidungen an der Bindungskraft von Kommunikationen für das Verhalten von Dritten, d.h. inwieweit bestimmte Kommunikationen mit orientierendem, ausrichtendem oder gar festlegendem Charakter als Entscheidungsprämissen in nachfolgenden Kommunikations- und Entscheidungsprozessen tatsächliche Wirksamkeit entfalten. Wird also das, was z.B. in einem Geschäftsleitungsprotokoll als Absichtserklärung formuliert ist, später in der Kommunikation tatsächlich wieder einmal aufgegriffen? Wird darauf Bezug genommen, um ganz konkret ein Projekt zu initiieren, eine Massnahme zu legitimieren, eine Investition zu begründen oder ein wenig erfolgreiches Innovationsprojekt tatsächlich zu stoppen?

In diesem Sinne sind aus einer Managementperspektive Entscheidungen nicht individuelle Wahlakte, sondern höchst voraussetzungsreiche Kommunikationsprozesse (im Modell als Bearbeitungsformen bezeichnet) der „Überführung“ von Ungewissheit in Gewissheit, von Optionen in konkrete Aktionen. Entscheidungen sind Kommunikationsprozesse der Erwirkung von robusten Gewissheiten mit kollektiver Selbstbindungswirkung.

Aus diesem Grund bildet die Modellkategorie „Entscheidungspraxis“ (mit den Kategorien Entscheidungsnotwendigkeiten, Bearbeitungsformen und Entscheidungsfähigkeit) neben der Modellkategorie Wertschöpfung einen zentralen Baustein der Schlüsselkategorie Organisation.

Änderungen bei den Schlüsselkategorien

Von spezifisch genannten Anspruchsgruppen zu Stakeholdern

In der 3. Generation des SGMM wird von Anspruchsgruppen gesprochen, und in der grundlegenden Visualisierung findet sich eine abschliessende konkrete Aufzählung dieser Akteure: Kunden, Mitarbeitende, Kapitelgeber, Lieferanten, Konkurrenz, Staat, Öffentlichkeit & NGOs.

Dies kann erstens den Eindruck erwecken, als ob „die“ Anspruchsgruppen einer Organisation etwas Gegebenes seien. Die 4. Generation betont demgegenüber, dass die Identifikation und Definition von Stakeholdern sowie die Entwicklung tragfähiger Beziehungen zu spezifischen Stakeholdern eine grundlegende, in vielerlei Hinsicht existenzkritische Bestimmungs- und Gestaltungsleistung einer jeden Organisation darstellt. Ob z.B. bestimmte Bevölkerungsschichten, Bildungsinstitutionen oder Behörden als relevante Stakeholder einer Organisation erachtet werden, hängt in zentraler Weise davon ab, wie die Management-Verantwortlichen die Einflussmöglichkeiten und die Betroffenheit dieser Akteure mit Bezug auf die aktuelle und vor allem auch die zukünftige organisationale Wertschöpfung einschätzen.

Zweitens sind aus Sicht der 4. Generation des SGMM unter Anspruchsgruppen, nicht nur Akteure zu verstehen, die Ansprüche an eine Organisation herantragen, sondern breiter alle Akteure (Individuen, Teams, Communities, Organisationen, Netzwerke), die in irgendeiner Form in die organisationale Wertschöpfung einbezogen und von Wirkungen einer Organisation betroffen sind. Der angelsächsische Begriff Stakeholder (to stake = sich anbinden, beteiligen, einsetzen; etwas riskieren, stützen) ist breiter gefasst und demzufolge geeigneter als der Begriff Anspruchsgruppen.

Umweltsphären als diskursiv konstituierte Möglichkeits- und Erwartungsräume verstehen

In der 3. Generation des SGMM werden abschliessend vier Umweltsphären aufgeführt: Gesellschaft, Natur, Technologie und Wirtschaft, und der Begriff der Umweltsphäre wird nicht weiter spezifiziert.

Die 4. Generation des SGMM spezifiziert Umweltsphären demgegenüber gleichermassen offener und präziser als Möglichkeits- und Erwartungsräume für die organisationale Wertschöpfung. Dabei sind Umweltsphären wie Wirtschaft, Wissenschaft, Technologie, Politik, Recht, Religion, Öffentlichkeit oder Ethik (Rüegg-Stürm & Grand 2015, 73ff) nicht räumlich, sondern kommunikativ, d.h. als Diskurse zu verstehen. Diskurse sind routinisierte Kommunikations- und Handlungsformen, die durch spezifische Regeln und Bewertungsmassstäbe gekennzeichnet sind. So unterscheidet sich das Geschehen in der Wirtschaft grundlegend vom Geschehen in der Politik oder der Wissenschaft.

Auch Umweltsphären müssen von einer Organisation – bezogen auf die organisationale Wertschöpfung – selektiert und nach ihrer Existenzrelevanz bewertet werden. So können für eine Unternehmung bei steigendem Regulationsdruck die Umweltsphären Öffentlichkeit und Politik (im Vergleich zur etablierten Ausrichtung auf spezifische Märkte und Kunden) massgeblich an Bedeutung gewinnen.

Interaktionsthemen

Die in der 3. Generation des SGMM aufgeführten Interaktionsthemen „Anliegen und Interessen“, „Werte und Normen“ sowie „Ressourcen“ werden in der 4. Generation des SGMM mehreren Schlüsselkategorien zugeordnet.

Der Begriff „Ressource“ wird neu als Potential, als Möglichkeit einer zu erschliessenden Umwelt verstanden. Ressourcen ermöglichen organisationale Wertschöpfung und müssen hierfür gezielt erschlossen und (immer wieder neu) zu einer organisationsspezifischen Ressourcenkonfiguration zusammengeführt werden, seien dies beispielsweise Know-How von Mitarbeitenden, finanzielles Kapital, Standorte, Patente oder Vertrauen. Erst im Zusammenspiel von Ressourcen zeigt sich deren ermöglichende Werthaftigkeit. Deshalb stehen Fragen der Ressourcenallokation im Zentrum von strategischen Problemstellungen.

Abbildung 3 – Welt, Umwelt, Ressourcenkonfiguration und Wertschöpfung (dargestellt in Rüegg-Stürm & Grand 2015, 66)

„Anliegen und Interessen“ werden in der 4. Generation des SGMM unter der Kategorie „Stakeholdern begegnen“ behandelt, und zwar unter dem etwas abstrakteren Begriff „Erwartungen“. Stakeholder verdichten, artikulieren und repräsentieren relevante Erwartungen der Umwelt an eine Organisation.

„Werte und Normen“ werden demgegenüber neu an zwei Orten thematisiert: einerseits im Zusammenhang mit organisationsübergreifend relevanten Bewertungsmassstäben der einzelnen Umweltsphären (Schlüsselkategorie Umwelt) und andererseits im organisationsspezifischen Referenzrahmen (Schüsselkategorie Organisation). Damit kann den unterschiedlichen Wirkungssphären und Ausprägungen von Werten und Normen besser Rechnung getragen werden, wobei beide eng zusammenhängen. So müssen z.B. bei einer Unternehmung zwingend ökonomische Bewertungsmassstäbe des Marktgeschehens im organisationsspezifischen Referenzrahmen ihren Niederschlag finden. Umgekehrt kann das konkrete Verhalten einer Unternehmung die Ausprägung und den Gültigkeitsanspruch übergreifend wirksamer ökonomischer Bewertungsmassstäbe massgeblich mitprägen.

Prozesse

In den neunziger Jahren haben stimmige und schlanke Prozesse im Hinblick auf eine kundenzentrierte Wertschöpfung mit klaren Ansprechpartnern („one face to the customer“) massgeblich an Bedeutung gewonnen. Die 3. Generation des SGMM hat diese wichtige Entwicklung mit Hilfe der Schlüsselkategorie Prozesse (Management-, Geschäfts- und Unterstützungsprozessen) ins Zentrum des Modells gerückt. Die 4. Generation des SGMM akzentuiert diese Perspektive in zweierlei Hinsicht:

  • Erstens sind Organisationen nicht als klar abgrenzbare Identitäten zu verstehen. Deshalb findet sich im Buch (Rüegg-Stürm & Grand, 2015) nie der Begriff „die“ Organisation – als ob Organisationen greifbare Entitäten wären. Vielmehr wird eine Organisation als etwas Prozesshaftes zu verstehen, das sich fortlaufend in Entwicklung befindet und sich deshalb ständig stabilisieren muss. Organisationen bilden sich aus Prozessen des fortlaufenden Organisierens. In diesem Sinne liegt dem SGMM der 4. Generation ein prozesshafter Systembegriff zugrunde: Systeme werden aus Kommunikationen, Entscheidungen und Handlungen konstituiert. So werden Organisationen aus Sicht der 4. Generation des SGMM als prozesshafte Wertschöpfungssysteme verstanden.
    Dabei weist Wertschöpfung eine doppelte Bedeutung auf: einerseits diejenige einer wertschaffenden Wirkung im Sinne der resultierenden Produkte oder Dienstleistungen für die Wertschöpfungsadressaten und andererseits diejenige eines prozesshaften arbeitsteiligen Zusammenwirken von spezialisierten Aktivitäten, die zur Herstellung von Produkten und Dienstleistungen erforderlich sind.
  • Genau auf diese prozesshafte Bedeutung von Wertschöpfung nimmt zweitens die Kategorie Prozesse Bezug. In diesem Sinne haben Management-, Geschäfts- und Unterstützungsprozesse auch in der 4. Generation des SGMM eine zentrale Bedeutung. Sie werden wie die organisationale Wertschöpfung insgesamt als arbeitsteiliges, räumlich und zeitlich verteiltes, routinisiertes Geschehen konzeptionalisiert, das spezifische Beiträge an die Gesamtwertschöpfung für die Wertschöpfungsadressaten beisteuert.

Im Zentrum von Geschäftsprozessen steht die Primärwertschöpfung einer Organisation für die Wertschöpfungsadressaten dieser Wertschöpfung, seien dies Kunden, Bürgerinnen, Parteimitglieder, Patienten oder Studierende. Unterstützungsprozesse fokussieren den Erhalt und die fortlaufende Weiterentwicklung der organisationsspezifischen Ressourcenkonfiguration. Managementprozesse orientieren sich am Management-Verständnis des Modells: Management als reflexive Gestaltungspraxis. Managementprozesse sind demzufolge als Reflexionsprozesse zu verstehen, wobei Reflexion nicht als etwas Kognitives (was Manager denken), sondern als etwas Kommunikatives zu begreifen ist. Managementprozesse verdeutlichen, wie Management-Verantwortliche diskursiv (in kommunikativen Auseinandersetzungen) das Zusammenspiel der Entwicklung von Umwelt und organisationaler Wertschöpfung reflektieren, um daraus neuartige Entwicklungsoptionen, aber auch Entwicklungsnotwendigkeiten (Handlungsfelder) abzuleiten. In diesem Sinne ist aus Sicht des SGMM der 4. Generation ein Budgetprozess als Prozess einer systematischen Reflexion eines zweckmässigen (jährlichen) Ressourceneinsatzes zu verstehen.

Ordnungsmomente

Die Sinngehalte des Begriffs Ordnungsmomente der 3. Generation des SGMM werden in der 4. Generation gleichermassen differenzierter und präziser gefasst. Dabei wird gezielt auf die Verwendung des Begriffs Kultur verzichtet. Letztlich sind alle Erscheinungsformen einer Organisation, d.h. Dokumente, Artefakte und Materialisierungen aller Art, Symbole, etablierte Wert- und Erfolgsvorstellungen, routinisierte Formen der Aufmerksamkeitssteuerung, der Kommunikation, des Entscheidens und Handelns Ausdruck einer organisationsspezifisch gewachsenen Kultur. Kultur verkörpert in diesem Sinne alles Selbstverständliche, alles implizit ausser Streit Gestellte einer Organisation, das sich auf alle Gestaltungsaspekte von Management als reflexiver Gestaltungspraxis beziehen kann. Kultur steht in diesem Sinne orthogonal zu allen Gestaltungsfeldern einer Organisation.
Damit tendiert aber die Verwendung des Begriffs Kultur im Zusammenhang mit Management immer Gefahr zu laufen, beliebig zu werden. Genau dies ist bisweilen auch in der Praxis zu beobachten: Kultur wird dann gewissermassen zu einer Residualvariable, zu einer Etikette für all das, was nicht unbestritten und eindeutig kausal erklärt werden kann und was sich demzufolge auch nicht technizistisch und eindeutig steuern lässt.
Genauso vielfältig in ihrer Bedeutung sind aber heute auch die Ordnungsmomente Strategie und Struktur der 3. Generation des SGM. Ob unter Strategie z.B. die Festlegung von Zielen und Massnahmen in einem Strategiepapier, das Zusammenspiel von tatsächlich wiederholt praktizierten Entscheidungs- und Handlungsmustern oder ganz generell die spezifische Art und Weise verstanden wird, mit der sich eine Organisation in die Zukunft hinein bewegt, macht einen riesigen Unterschied aus. Dasselbe gilt für den Strukturbegriff: Ob darunter einfach das Organigramm verstanden wird oder tatsächlich gelebte Formen der arbeitsteiligen Führung und Zusammenarbeit, ist von grosser Bedeutung.
Vor diesem Hintergrund fliessen in der 4. Generation des SGMM wichtige Sinngehalte von „Strategie“, „Struktur“ und „Kultur“ auf andere Weise in die Modell-Kategorisierung ein als in der 3. Generation – insbesondere mit dem Anliegen, deutlich zu machen, dass es sich erstens bei diesen drei Kategorien nicht um problemlos fassbare Entitäten handelt und zweitens dass es dabei nicht um simple Gestaltungsfelder geht. Dies wird im Folgenden kurz skizziert. Im Zentrum steht dabei wie beim Begriff Ordnungsmoment die Frage, wie es in einer Organisation überhaupt zu einem berechenbaren, erwartbaren, geordneten Geschehen kommen kann.
Weil in Prozessen – strukturierten Formen arbeitsteiliger Wertschöpfung, Aufgaben­bewältigung und Zusammenarbeit – nie alles routinisiert, standardisiert und „automatisiert“ werden kann, sondern immer auch Unerwartetes, Ungewohntes und Ungewisses auftaucht, das bearbeitet werden muss, müssen in jeder Organisation fortlaufend Entscheidungen getroffen werden. Entscheidungen absorbieren Ungewissheit und Mehrdeutigkeit, indem sie Ungewissheit zumindest für eine gewisse Zeit in Gewissheiten überführen, an denen man sich im Alltagsgeschehen orientieren kann. Deshalb versteht das SGMM (genau wie die neuere Systemtheorie) Organisationen nicht nur als Wertschöpfungs-, sondern genauso als Entscheidungssysteme.
Aber auch Entscheidungen ergeben sich nicht einfach zufällig. Vielmehr entwickelt sich in jeder Organisation eine bestimmte Entscheidungspraxis, die durch organisationsspezifische Bearbeitungsformen gekennzeichnet ist. Das SGMM der 4. Generation versteht Entscheidungen prozesshaft als Bearbeitungsformen, d.h. als organisationsspezifische Art und Weise der Identifikation und Bearbeitung von Entscheidungsnotwendigkeiten. Dabei sind Bearbeitungsformen (Entscheidungsprozesse) untrennbar in die eigentliche Wertschöpfung einer Organisation eingewoben, sie durchformen und stabilisieren die Wertschöpfungsprozesse.
Was aber strukturiert und ordnet die Entscheidungspraxis und Wertschöpfungsprozesse einer Organisation? In der 4. Generation des SGMM wird dieses zentrale Ordnungsmoment im Referenzrahmen gesehen. Sowohl in der eigentlichen Wertschöpfung (im Vollzug von Prozessen) als auch beim Entscheiden findet sozusagen kontinuierlich ein mitlaufendes „Sensemaking“ statt, das einer permanent wirksamen Orientierungsleistung dient. Diese wird beim Sensemaking durch vielfältige Bezugnahmen (Referenzieren) auf Bezugspunkte des Referenzrahmens erbracht.
Solche Bezugspunkte können in ganz unterschiedlicher Form Wirksamkeit entfalten, indem im Alltagsgeschehen immer wieder auf sie Bezug genommen wird: als implizit wirksame Wert- und Erfolgsvorstellungen, als spezifische Weisen der „Welterklärung“ (Vorstellungen zu Wirkungszusammenhängen des erlebten Geschehens), als generische Kausalerklärungen (causal maps) und Interpretationsschemata, als interpretierte Geschehnisse und Erfahrungen der Vergangenheit, die in Stories und Mythen gekleidet werden, aber auch als schriftliche Dokumente, die als bedeutsam erachtet und zur Erklärung oder Legitimierung von Entscheidungen und Handlungen referenziert werden.
Diese Bezugspunkte gemeinschaftlicher Praxis bilden im Verständnis der 4. Generation des SGMM in ihrem Zusammenwirken einen Referenzrahmen, der eine orientierende und oft auch motivierende Sinnstiftung im alltäglichen Handeln und Entscheiden ermöglicht und unterstützt. Eine solche ist von zentraler Bedeutung, um trotz der Unsicherheit und Ungewissheit der Zukunft in einer Organisation kollektiv handlungs- und entscheidungsfähig bleiben zu können.
In der 4. Generation wird nun vorgeschlagen, diese Bezugspunkte des organisationsspezifischen Referenzrahmens drei verschiedenen Sinnhorizonten zuzuordnen: einem operativen Sinnhorizont, der alles umfasst, was die unmittelbare Alltagsbewältigung unterstützt, einem strategischen Sinnhorizont, der sich auf die Bearbeitung von Fragen der Zukunftsgestaltung und Zukunftssicherung bezieht und einem normativen Sinnhorizont, auf den hin die aktuelle und zukünftige Wertschöpfung sowie die Gesamtwirkung einer Organisation auf die Gesellschaft als Ganzes reflektiert werden kann.
Somit wird das Ordnungsmoment „Strategie“ in der 4. Generation des SGMM im Zusammenhang mit dem strategischen Sinnhorizont und ganz generell mit Management als reflexiver Gestaltungspraxis diskutiert. Das Ordnungsmoment „Struktur“ wird dagegen unter dem Stichwort Differenzierung im Zusammenhang mit der organisationalen Wertschöpfung adressiert.
Was in diesen Ausführungen zum Verhältnis von Referenzrahmen und Entscheidungspraxis beschrieben worden ist, findet sich letztlich, wie die folgenden Abbildungen zu illustrieren versuchen, bereits beim SGMM der 3. Generation in analoger Form: Die (Weiter-)Entwicklung einer Organisation wird als Strukturationsprozess begriffen, d.h. als zirkuläres Zusammenspiel von gewachsenen Strukturen und Prozessen der Strukturierung.

Abbildung 4 – Entwicklung einer Organisation als Strukturationsprozess (dargestellt in Rüegg-Stürm & Grand 2015, 132; angelehnt an Rüegg-Stürm 2002, 53)
Abbildung 5 – Zirkulärer Wirkungszusammenhang zwischen Ordnungsmomenten und Prozessen der Strukturierung (in Anlehnung an Rüegg-Stürm 2002, 79)
Abbildung 6 – Zirkuläre Verfertigung von Referenzrahmen, Entscheidungspraxis und Wertschöpfung als Strukturationsprozess (dargestellt in Rüegg-Stürm & Grand 2015, 180)

Entwicklungsmodi

Die 3. Generation des SGMM betont (wie auch die 4. Generation), dass sich eine Organisation in permanenter Entwicklung und Veränderung befindet. Sie muss fortlaufend mit diesen Veränderungen zurechtkommen. Während in der 3. Generation das Zusammenspiel von Optimierung von Bestehendem und Erneuerung als Kreation von Neuem unterscheidet, betont die 4. Generation die Notwendigkeit einer fortlaufenden Stabilisierung. Mit Stabilisierung ist paradoxerweise etwas Dynamisches gemeint, also nicht statische Stabilität, sondern dynamische Stabilität. Dahinter verbirgt sich der paradoxe systemische Gedanke, dass prozesshafte Systeme zum einen nur dann stabil bleiben können, wenn sie sich fortlaufend verändern und weiterentwickeln und dass zum anderen solche Veränderungs- und Entwicklungsprozesse nur dann gelingen können, wenn sie fortlaufend stabilisiert werden, d.h. vor dem Hintergrund stabiler Bedingungen ablaufen können.
In der 4. Generation des SGMM wird diese Paradoxie als Zusammenspiel von Prozessen des selektiven Öffnens und Schliessens thematisiert. Wenn ganz bestimmte Geschäftsfelder, Aktivitäten oder Routinen einer Unternehmung kommunikativ zur Disposition gestellt, d.h. für eine grundlegende Weiterentwicklung geöffnet werden, muss gleichzeitig dafür gesorgt werden, dass andere Themen ausser Streit, d.h. geschlossen werden. Ansonsten besteht die Gefahr einer destabilisierenden Überforderung, indem im Alltagsgeschehen sozusagen zu viele Gewissheiten auf einmal abhanden kommen. Dagegen formiert sich Widerstand – im Sinne eines durchaus funktionalen stabilisierenden Wirkungsmoments.
Die 4. Generation des SGMM betont zudem, dass sich nicht nur eine Organisation und ihre organisationale Wertschöpfung im Zusammenspiel mit einer dynamischen Umwelt in permanenter Entwicklung befinden. Auch die Management-Praxis selbst unterliegt Veränderungs- und Entwicklungsprozessen. So wie Organisationen heute auf Leistungs-, Prozess-, Geschäftsmodell- und anderen Formen von Innovationen angewiesen sind, muss sich die Management-Praxis selbst immer wieder neu erfinden – in einem Prozess der losen Koevolution zusammen mit Umwelt und Organisation. Dies wird im SGMM der 4. Generation als Management-Innovation bezeichnet und im vierten Kapitel behandelt.
Vor diesem Hintergrund versteht sich das SGMM als diskursive Ressource, als Reflexionssprache, d.h. als sprachliches und visuelles Strukturierungshilfsmittel für eine gemeinschaftliche Reflexion und Weiterentwicklung der gewachsenen Management-Praxis. Die Potentiale des SGMM als Reflexionssprache können allerdings nur dann ausgeschöpft werden, wenn hierzu förderliche Reflexionsbedingungen und Kommunikationsräume bereitgestellt werden. Genau dies kann und muss universitäre Bildung und Forschung leisten – gestaltet als innovative Reflexions- und Innovationspartnerschaften mit Organisationen der Praxis.